Sanierung der Elektroanlagen
am Ulmer Münster
Schwächen des Planungsverfahrens
Es ist offenkundig, daß die fragliche
Planung nicht in einem einfachen Verfahren vorgenommen werden kann. Denkmalamt,
Evangelische Landeskirche Württemberg, Evangelische Gesamtkirchengemeinde,
Münsterbauamt, Münstergemeinde, nicht zuletzt die Ulmer Bürger
allgemein sind von Änderungen betroffen.
Eine zusätzliche Schwierigkeit liegt
im Mangel an souveränen, umfassend gebildeten Menschen, die bereit
sind, Verantwortung für eine solche Aufgabe zu übernehmen, und
die zugleich ihre Grenzen kennen. Üblich ist daher heutzutage, die
Verantwortung innerhalb verschachtelter Gremien solange zu delegieren,
bis niemand mehr die Gesamtverantwortung trägt. Jeder verläßt
sich darauf, daß es für eine spezifische Einzelfrage stets einen
anderen Verantwortlichen gibt, wenn das Gremium nicht straff geführt
wird.. |
| Problemübersicht
Die Instandhaltung und die Nutzung des
Ulmer Münsters schafft fast jeden Tag neue Probleme:
- Technische Probleme
Da bröckeln bei starkem
Wind oder Regen Steinbrocken ab von Fialen oder anderen Verzierungen. Wer
haftet für Schäden?Die Schwingungen, die beim Läuten der
Glocken auf das Bauwerk übertragen werden, könnten zu Schäden
führen. An einigen Stellen reicht die derzeitige Elektroanlage nicht
aus, um alle Wünsche zu erfüllen, ein tragender Stein muß
ausgetauscht werden, ...
- Finanzielle Probleme
Verantwortlich für
die Finanzierung der Baulasten ist die Evangelische Gesamtkirchengemeinde
Ulm, beziehungsweise die Münstergemeinde. Das Land - über das
Landesdenkmalamt - und die Stadt Ulm geben erhebliche Zuschüsse. Besucher
des Münsters leisten mit Gebühren für die Turmbesteigung
und dem Kauf von Andenken einen Beitrag. Manche Aktionen (Polo-Shirt, Button,
Gala-Veranstaltungen zur Gewinnung von Sponsoren...) helfen, Spendenmittel
einzusammeln. Mit einem Opfer beteiligen sich auch die Gottesdienstbesucher
an den Aufwendungen, die in der Münstergemeinde für die Gemeindearbeit
und die Erhaltung des Münsters anfallen. Die Größenordnung
der Aufgabe wird deutlich, wenn wir das normale Sonntagsopfer mit den Anforderungen
für nur eine der Erhaltungsaufgaben, der Sanierung der Elektroanlage,
in Beziehung setzen: Allein für diese Sanierung
nach der jetzigen Planung müßte dieses Sonntagsopfer mehr als
hundert Jahre lang ausschließlich in die Elektrosanierung fließen.
- Planungsprobleme
Die Detailplanung aller
anstehenden Maßnahmen kann das Münsterbauamt in seiner derzeitigen
Besetzung allein nicht leisten. Es muß also fremde Kompetenz hinzutreten.
Diese kostet in der Regel zusätzliches Geld, soweit nicht auf ehrenamtliche
Altkompetenzen zurückgegriffen werden kann. Letzteres kann zu Problemen
führen, die in Persönlichkeitsstrukturen ihren Grund haben.
- Entscheidungsprobleme
Im Idealfall beauftragt
man mit Planungsproblemen ein qualifiziertes Planungsbüro, das ein
in Bezug auf die Rahmenbedingungen optimales Vorgehen ausarbeitet. Wenn
der Vorschlag überzeugt und die Rahmenbedingungen eingehalten sind,
ist die Entscheidung für die Ausführung der Arbeiten selbst
nur noch eine Formsache. In repräsentativ demokratischen Strukturen
nimmt ein dafür bestellter Ausschuß die Planungsergebnisse entgegen.
Er überprüft die Plausibilität der Vorschläge im Rahmen
des Möglichen. Man vertraut dem Fachbüro - und man muß
ihm in der Regel vertrauen, weil die Detailfragen den Laien überfordern.
Im Normalfall kommt man so zu zweckmäßigen Lösungen. Außenstehende
haben dann keinen Anlaß, sich mit der Angelegenheit zu beschäftigen.
Das ist ökonomisch sinnvoll.
Problematisch wird es, wenn
die Planungsergebnisse nicht plausibel sind, noch problematischer, wenn
Außenstehende am Ende des Verfahrens darauf aufmerksam werden. |
Bei der Elektrosanierung liegt die Verantwortung
für die Vergabe von Aufträgen beim "Ständigen Ausschuß"
der evangelischen Gesamtkirchengemeinde Ulm. Dieser stützt sich bei
seiner Entscheidung auf einen von ihm eingerichteten Unterausschuß,
auf das Münsterbauamt und ein Eßlinger Ingenieurbüro (EIB).
Um Zuschüsse der Landeskirche und
des Denkmalamts zu sichern, mußte auf Verlangen der evangelischen
Landeskirche Württemberg eine Reutlinger Projektmanagementgesellschaft
eingeschaltet werden. Diese beauftragte ihrerseits nach einer beschränkten
Ausschreibung ein Eßlinger Ingenieurbüro mit der Gesamtplanung.
Als Planungskosten wurden von verschiedenen Quellen ein Betrag von
100 000 € genannt; dieser Betrag
wurde von der evangelischen Gesamtkirchengemeinde weder bestätigt
noch dementiert.
Ulmer Firmen oder Sachverständige
wurden nicht zugezogen; lokaler Sachverstand war nicht erwünscht.
Daß damit bei anfallenden Reparaturen auf auswärtige Betriebe
zurückgegriffen werden muß, wird für die Zukunft in Kauf
genommen. Das könnte bei Fortschreibung der heutigen Praxis dazu führen,
daß für den Austausch einer Glühlampe ein Handwerker von
Eßlingen anfahren muß.
Was von den Ergebnissen der Planung an
die Öffentlichkeit dringt oder auf Fragen mitgeteilt wird, verletzt
vielfach die Plausibilität.
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Die Planung (Stand Januar/April 2006) bleibt hinter dem Stand der Technik
zurück (Sternverteilung trotz erheblicher Leitungslängen).
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80 000 Meter neue Kabel sollen eingezogen werden.
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Die Notstromversorgung ist überdimensioniert.
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Die Planung verursacht hohe Folgekosten (Bau einer neuen Pforte).
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Der gesamte Kostenaufwand erscheint gegenüber vergleichbaren Objekten
überhöht. |
Nimmt man beispielsweise die im vergangenen
Frühjahr abgeschlossene Sanierung des Stuttgarter Fernsehturms als
Vergleichsobjekt, so wurden mit einer vergleichbaren Projektsumme nicht
nur die Elektroanlagen (einschließlich Aufzug!) fünfzig Jahre
nach dem Bau dem Stand der Technik angepaßt, sondern zusätzlich
die gesamte Außenhaut dieses Turms saniert.
Trotz dieser Schwächen, die erhebliche
Zusatzkosten verursachen, äußert der Ständige Ausschuß
am 14.6.06
"Der Ständige Ausschuss ist der Überzeugung, dass das Thema
im Fachausschuss kompetent beraten wird"
und sieht keine Schwächen der Planung. |