Ver(sch)wendung von Spendenmitteln? Verschwendung ist eine subjektive und relative Charakterisierung. Wer sich auf Schulden mit dem Rolls Royce vom Standesamt zur kirchlichen Trauung fahren läßt, darf getrost als Verschwender bezeichnet werden. Schlimme Verschwendung wird es, wenn der Rolls Royce als Oldtimer mit kleinen Fehlern bei Christies für einen Millionenbetrag ersteigert worden ist. Was noch im April 2006 über die geplante Elektrosanierung am Ulmer Münster in Erfahrung gebracht werden konnte, ließ rasch den Gedanken an den Oldtimer aufkommen. 80 000 Meter Kabel und die zugehörigen Einrichtungen sollen für mehr als 3,2 Millionen Euro im Münster neu eingezogen werden. Von einer zentralen Schalttafel aus soll jeder Verbraucher versorgt werden. 250 Meter Kabel genügen indessen, um von einer Stelle des Münsters zu einer entfernten anderen Stelle ein Kabel zu ziehen. Auch bei der alten Anlage werden die meisten Verbraucher über eine zentrale Schalttafel angeschlossen. Das bedeutet, daß mehr als fünfundzwanzig Kabel von dieser Schalttafel zu den Verbrauchern parallel verlegt worden sind. Mit dem heutigen Stand der Technik könnte man theoretisch die vielen Kabel durch ein einziges und eine Steuerleitung ersetzen. Man nennt diese Technik RPS-System. Solche RPS-Systeme werden in vielen Varianten angeboten. Man nutzt sie im Airbus ebenso wie im sogenannten "intelligenten Haus". Google findet am 28.6.06 mehr als 50 000 Fundstellen zu solchen intelligenten Häusern, dagegen keine zu "intelligente Kirche". Man kann daraus nicht folgern, daß es keine intelligente Kirche geben kann. Das Ulmer Münster könnte sogar die erste intelligente Kirche der Welt (im Sinn des Begriffs wie beim intelligenten Haus) werden - und bei der Elektrosanierung viel Geld sparen! Ein zusätzlicher Vorteil des RPS-Systems: Um Licht oder Glocken oder andere Verbraucher zu schalten, muß man nicht in die zentrale Schaltanlage gehen. Vielmehr kann man an beliebigen Stellen, sogar drahtlos, Zugriffe zu den Schaltern ohne nennenswerte Zusatzkosten einrichten. In RPS-Systemen (remote power switching) liegen die Schalter nicht konzentriert an einer Stelle; sie sind vielmehr dezentral beim Verbraucher angebracht. Die Schalttafel wird durch die Logik einer virtuellen Schaltsteuerung ersetzt. Beispiele hinken, sagt man:
In den anderen Teilbereichen der Elektrosanierung zeigt sich die gleiche "Frag"-würdigkeit. Das zeigen wir in einer ausführlicheren Skizze. Die echten Schwaben sind für ihre Sparsamkeit fast so bekannt wie die Schotten. Wenn sie für die gleiche Leistung ein billiges und ein teures Angebot erhalten, wählen sie normalerweise das billigere. Noch eindeutiger wird ihre Wahl, wenn die billigere Lösung der teuren überlegen ist. Über den Daumen gepeilt, könnte man mehr als eine Million Euro einsparen, wenn man die jetzt (Stand April 2006) vorgeschlagenen Arbeiten durch die in unserer Skizze dargestellten ersetzen würde. Hätten die Entscheidungsgremien schon vor ihrem Beschluß andere Realisierungsmöglichkeiten in Erwägung gezogen, hätte die genannte Summe leicht eingespart werden können. Nachdem jedoch der Beschluß für die 3,2 Millionen gefallen ist, und die Gremien am Ulmer Münster offenbar nicht irren können, werden vielleicht doch Spendenmittel am Ulmer Münster verschleudert für einen alten Rolls Royce an einer Stelle, wo ein moderner Golf überlegen - und wesentlich billiger - wäre. Es wäre schlimm, wenn unter diesen Erörterungen die Spendenfreudigkeit für das Münster leiden würde. Ohne Spenden kann diese Bürgerkirche der Nachwelt nicht erhalten werden. Deshalb ist die Frage, ob man unter den geschilderten Umständen überhaupt noch für das Münster spenden könne, bedingungslos mit "Ja" antworten. Allerdings erscheint es uns nötig, die Spender über die Verwendung der Spendenmittel zu informieren. Man könnte dabei plausibel machen, daß nicht die Dauer der Beratung sondern vielmehr die Qualität der Beratung in den Gremien den Ausschlag gibt. |